Foto: Brennan Cavanaugh 2015

Weltsystemanalyse als politischer Protest

Ein Nachruf auf Immanuel Wallerstein (1930-2019)

There is neither historian nor social scientist, but only a historical social scientist who analyzes the general laws of particular systems and the particular sequences through which these systems have gone […] We are then faced with the issue of determining the “unit of analysis” within which we must work […]“
(Immanuel Wallerstein 1987, World-Systems Analysis)

Über das Wirken eines langfristig so produktiven Intellektuellen wie Immanuel Wallerstein lässt sich alleine dadurch viel schreiben, dass man seine zahlreichen Veröffentlichungen, Auszeichnungen, Wirkungsstätten, Vorsitze akademischer Gesellschaften oder Sprachen, in die seine Arbeiten übersetzt wurden, aufzählt. Mindestens so bezeichnend für sein Lebenswerk wie die Summe dieser Teile ist jedoch das, was dieses Werk nicht war und laut Wallerstein selbst auch nicht sein sollte: Seine Weltsystemanalyse, vor 35 Jahren mit dem Erscheinen des ersten von vier Bänden des „The Modern World-System“ bekannt geworden, sollte eine Perspektive sein und keine Theorie; kein neues Paradigma historischer Sozialwissenschaften, sondern ein Aufruf zur Debatte über das Paradigma selbst; kein Teilgebiet der Soziologie, sondern ein Aufruf zur Umstrukturierung von Sozialwissenschaften insgesamt. Wallerstein hat sich selbst immer als Rebell angesichts herrschender Orthodoxien bezeichnet – und so wollte er auch die Weltsystemanalyse als eine Reihe von politischen Protesten gegen die gängigen sozialwissenschaftlichen Annahmen seiner Zeit verstanden wissen, allen voran die Modernisierungstheorie.

Er setzte sich damit über mehr als nur Disziplingrenzen und Denkschulen hinweg. Seine Definition des modernen Weltsystems als kapitalistische Weltwirtschaft, die im ausgehenden 15. Jahrhundert ihren Anfang nahm und bis zum 19. sich über den gesamten Globus erstreckte, stellte marxistische wie modernisierungstheoretische Annahmen gleichermaßen in Frage. Seine Analyse der kapitalistischen Weltwirtschaft als historisches System mit mittelfristigen Konjunkturzyklen und langfristigen sekulären Trends brach mit mehreren Lehrsätzen der Geschichts- wie den Wirtschafts- und Politikwissenschaften sowie der Soziologie und Anthropologie – vom Stufenmodell gesellschaftlicher Entwicklung über die Linearität sozialen Wandels bis zur Reichweite von „nationalen“ Revolutionen. Die zentrale methodologische Korrektur, die die Weltsystemanalyse vornahm – der Wechsel der Analyseeinheit vom Nationalstaat zur kapitalistischen Wirtschaft als Ganzes in der longue durée – nahm sowohl die Makroperspektive späterer Globalisierungstheorien und der Globalgeschichte als auch die Kritik des methodologischen Nationalismus um Jahrzehnte vorweg.

Dass sich diese globale und historische Perspektive der Auseinandersetzung mit der sozialen Realität und der intellektuellen Produktion der Peripherien des Weltsystems verdankte, und keine Einzelleistung war, hat Immanuel Wallerstein immer betont. Dafür sprachen seine Anfänge als Afrikanist, sein Dialog mit den lateinamerikanischen Dependenztheorien und Zusammenarbeit mit Dependenz- und Dekolonialitätsdenkern wie Aníbal Quijano, und nicht zuletzt die Beschäftigung mit Osteuropa und Lateinamerika und deren Gedankengut als erste Peripherien des Weltsystems, in denen auch die Kategorien von Zentrum und Peripherie zunächst artikuliert wurden. Die Standortgebundenheit sozialwissenschaftlicher Produktion war ihm dadurch nicht nur bewusst, sondern floss auch in den Bericht der von ihm geleiteten Gulbenkian Kommission zur Untersuchung der Sozialwissenschaften: „Open the Social Sciences“ (1996) deckte die Geopolitik des Wissens, die die intellektuelle Arbeitsteilung zwischen Soziologie, Anthropologie, Politologie, Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften seit dem 19. Jahrhundert institutionalisiert hatte, auf und prangerte den Eurozentrismus sozialwissenschaftlicher Produktion noch vor der Etablierung solcher Kritik in post- und dekolonialen Ansätzen.

Dass Sozial- und Geschichtswissenschaften politische Position widerspiegeln, war damals noch weniger konsens- oder gar salonfähig als heute. Das lässt sich auch an den Titeln einiger seiner Werke beobachten, die sich Wortschöpfungen und Hilfskonstruktionen bedienen mussten, um ihren kritischen und politischen Charakter wiederzugeben – von „Unthinking Social Science“ (1991) – auf Deutsch als „Die Sozialwissenschaften kaputtdenken“ übersetzt bis zu „Utopistics. Or, Historical Choices of the Twenty-First Century“ (1998). Aktiv betrieben hat Immanuel Wallerstein diese politische Position sowohl durch sein Engagement im Weltsozialforum seit seinem Anfang in Porto Alegre, als auch durch seine eigene Intervention in die Politik intellektueller Produktion: Die 1974 gegründete Sektion der Political Economy of the World-Systems (PEWS) der American Sociological Association verfolgte konsequent das Ziel, ihre Jahrestagungen gebührenfrei und an öffentlichen Universitäten abzuhalten, um Studierenden und Nachwuchswissenschaftlerinnen den Zugang zu den dort präsentierten Forschungsergebnissen einkommen- und schichtunabhängig zu ermöglichen. Mittlerweile ist dieses Modell überall auf der Welt eine Seltenheit geworden – weshalb Immanuel Wallerstein bei der diesjährigen PEWS-Jahrestagung an der Universität Freiburg den TeilnehmerInnen empfahl, es sich wieder anzueignen und als Instrument zur Unterstützung der globalen Linken in der gegenwärtigen Krise des Weltsystems zu nutzen, anstatt es von institutionalisierten Disziplinen vereinnahmen zu lassen.(1)

Am 31. August 2019 ist Immanuel Wallerstein im Alter von 88 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben. Sein Werk lebt indes nicht nur weiter, sondern auch davon, dass es von wissenschaftlich breit aufgestellten und politisch engagierten jungen Generationen weitergeführt wird.

Manuela Boatcă

 

(1) https://www.soziologie.uni-freiburg.de/personen/manuela-boatca/dokumente/MessagefromImmanuelWallerstein.pdf

 

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